Leseprobe aus:


Selbstfindung durch Rückführung


Die Geschichte der Ymmerwahr


Wie alles begann



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Überarbeitete deutsche Erstausgabe
© 2011 Michael Rupprecht
Verlag: © sauerland press, Meschede
Umschlag und Illustrationen: © Ymmerwahr
Grafik und Layoutkonzept: sauerland press
ISBN der Printausgabe: 978-3-943283-16-7
 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne der schriftlichen Zustimmung von sauerland press unzulässig und strafbar.


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Inhalt (des Buches)

Ein Anruf aus der Vergangenheit
Das Ausmaß der Veränderung
Lichtkörper, Lieblingsplatten und Chakren (komplett in dieser Leseprobe)
Träume und Energiemengen (komplett in dieser Leseprobe)
Ein Glasdeckelsarg und zerplatzte Luftballons
Des Engels Fratze
Der Hüter am Tor
Erster Zeitsprung
Der Sägewerksbesitzer und sein Schwur
Ein mächtiger Werkzeugkoffer
Der künftige Adam
Das Familiengeheimnis und seine Folgen
Mein neues Haus
Sein größter Tag

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Lichtkörper, Lieblingsplatten und Chakren

 


Einige der Örtchen, die wir passieren, sind in den vergangenen Jahren mit Eifer aufgehübscht worden und präsentieren sich freundlich und florierend. Sie haben nichts mehr mit den verschlafenen Nestern zu tun, die ich gekannt habe.

Ich mache ein paar Bemerkungen in dieser Richtung zu Lydia und sie antwortet schnell und gewandt:

„Das sieht nur so aus. Tatsächlich aber ist auch im schwäbischen Musterländle die Wirtschaftskrise voll angekommen. Die meisten der Läden hier sind nur noch Fassade, viele Inhaber mussten ihre Geschäfte aufgeben und schließen. Es geht wirtschaftlich stark bergab. So habe ich uns noch nie erlebt. Uns ging es bislang immer gut. Glücklicherweise bin ich nicht davon betroffen, bislang jedenfalls nicht.“

Ich antworte nicht. Ich schaue aus dem Wagen und treffe an jeder Kurve auf eine Erinnerung. Ob ich will oder nicht. An manchen ist meine Fahrerin beteiligt, an anderen nicht. Exakt unterscheiden kann ich das jedoch nicht. Meine Rückblende ist bruchstückhaft, fast wie aus Zeitungsfetzen zusammen gesetzt.

Ich sehe zwar noch Bilder der Ereignisse, doch der ganze, komplette Film ist nicht mehr abrufbar. Obwohl ich mir sicher bin, dass er irgendwo in mir gelagert sein muss, komme ich nicht daran. Es sind nur einzelne Sequenzen, die aufblitzen.

So bin ich mir beispielsweise sicher, dass ich in diesem Ort, dessen Name mir nicht einfällt und durch dessen Hauptstraße wir gerade düsen, oft meinen Kumpel besucht habe. Doch an seinen Vornamen erinnere ich mich nicht. Mir ist noch bewusst, dass er lange, gelockte Haare und unglaublich klare blaue Augen hatte. Vor meinem inneren Auge sehe ich auch sehr deutlich, wie es in seinem Zimmer ausgesehen hat.

In der linken hinteren Ecke stand der Schallplattenspieler und davor lagen ein paar Matratzen auf denen wir lagerten, wenn wir Musik hörten. Wir lauschten unseren Lieblingsplatten und -songs, die wir so oft abspielten, dass schließlich die Nadel des Schallplattenspielers bereits beim Aufsetzen mit einem unsäglichen Geräusch zur Mitte sprang und dort hängen blieb. Tschak. Tschak. Taschak.

Unmittelbar vor dem kleinen Fenster stand eine kleine Kommode und darauf ein kleiner, mit Sand gefüllter Tonteller, in dem fast unablässig Räucherstäbchen qualmten. Nun fällt mir auch sein Name wieder ein. Es war einer, der mit einem »W« begann. War es Wolfgang oder Werner? Ich tippe auf Werner.

Mein Namensgedächtnis war schon immer hundsmiserabel. Diese Zimmer-Szene blendet sich wie ein kurzer Abriss aus einem alten Film ein und ist seltsamerweise nur Schwarz-Weiß. Und diese Töne sind stark verblasst und verblasen wie bei einem alten Foto.

„Denkst du weiter an vergangene Zeiten?“, fragt mich die Hellseherin an meiner Seite.
„Ich habe gerade an Werner’s Zimmer gedacht und an andere Dinge in dieser Gegend. Irgendwo in diesem Landstrich gab es einen größeren See, den wir zwar oft aufsuchten, mehr jedoch nicht. Wir haben uns seltsamerweise nie getraut, darin zu schwimmen. Ich habe auch nie jemanden darin baden sehen.

Er hieß „Aalkistensee“, als sei er ein Gegenstand und kein Gewässer. Diesen Namen habe ich nie vergessen. Ich habe den See als dunkel, schon fast als schwarz in Erinnerung. Das sehe ich glasklar vor mir, anderes ist unbestimmbar.

Diese Straße bin ich zum Beispiel oft mit meinem 2 CV gefahren, doch ob du jedes Mal neben mir saßest, ist mir unklar. Ich glaube, ich werde alt, mein Gedächnis spielt nicht mehr ganz mit.“
„Nein, das hat damit gar nichts zu tun. Das ist ganz natürlich. So wie du das gerade mit den Wörtchen »glasklar« und dem »verschwommen« beschrieben hast, so ähnlich erging es mir in meinen Sitzungen.“

„In deinen Sitzungen? In welchen Sitzungen? Oder sprichst du von Séancen?“

„Mit Sitzungen meine ich Rückführungen! Oder, um ein Wort zu benutzen, das das Geschehen besser beschreibt, meine Rückführungen beleuchten meine vergangenen Inkarnationen.“

Diesen Ausdruck habe ich noch nie aus ihrem Munde vernommen. Inkarnation? Was ist das eigentlich? Ich habe da nur eine verschwommene Vorstellung. Treffender: eine höchst verschwommene, obwohl ich sonst allwissend bin. Diese Blöße will ich ihr nicht offenbaren und sage leichthin – ohne eine aufschlussreiche Antwort zu erwarten: „Ah ja. Wie bist du denn darauf gekommen?”

„Es war anfangs nur ein Vorgefühl.“

„Was für ein Vorgefühl?“

„Ein unbestimmtes, undeutliches.“

„Und was meinst du mit »anfangs«?“

„Das ist lange her und beginnt mit meiner Kindheit. Ich habe mich bei meinen Eltern nie wohl gefühlt – als gehöre ich nicht zu ihnen. »Das sind nicht meine richtigen Eltern«, dachte ich damals oft.

„Du hast dich fremd gefühlt?“

„Genau. Ich kam mir bei ihnen stets fremd vor. Als sei ich in etwas hineingeraten, das nicht zu mir passt.“

„Wie ein Kuckucks-Kind?“

Sie nickt und konzentriert sich auf das Geschehen auf der Straße. Vor uns zuckelt, trotz gerader und übersichtlicher Strecke, ein Auto entlang. Lydia muss abbremsen und wartet auf eine Gelegenheit es zu überholen.

Als diese kommt, drückt sie stark auf das Gaspedal und zieht vorbei. Sie sieht in den Rückspiegel, lächelt in sich hinein und fährt fort.

„Diese Geschichten aus meiner Kindheit, sind mir erst richtig zu Bewusstsein gekommen, als ich wieder einmal ein Seminar besuchte. Mein ganzes Leben habe ich versucht herauszufinden, wer ich wirklich bin und woher ich komme. Der Geist, der mich beseelt, sucht schon immer nach der Wahrheit.”

Meiner auch, will ich spontan entgegnen, lasse das aber besser bleiben. Sonst gibt es Streit und der passt jetzt nicht hierher. Dass sie das Wort »Geist« in den Mund nimmt, verblüfft mich. Sie ist doch sonst nicht religiös.

Ich beschließe das Geist-Thema abzuhaken und frage stattdessen höflich: „Und was war das für ein Seminar, das dich in die Vergangenheit entführt hat?“

„Es war ein Esoterisches. Es ging um das Thema »Wie lerne ich, die Auren der Menschen zu erkennen«.”

„Was ist eine Aura?“ ziehe ich mich zu Rate und antworte: „»Aura?«, ist das nicht so eine Art Lichtkörper, der den Menschen umgibt und der angeblich von einem russischen Fotografen festgehalten worden ist.”

„In der Tat. Im Grunde ist damit die Ausstrahlung eines Menschen gemeint. Die Aura wird von den Chakren des Menschen gebildet.”

Lydia ist zur Sphinx mutiert und gibt mir ein Rätsel nach dem anderen auf.

Was bedeutet denn nun »Chakra«? Hängt das mit indischen Lehren zusammen? Mit Sanskrit? Oder dem Buddhismus? Dem Hinduismus? Oder kenne ich das aus Hesses »Glasperlenspiel«?

Irgendwie muss ich auch an eine Öffnung denken, an eine mystische im menschlichen Körper. Esoterik ist nicht mein Fach, das wird mir immer bewußter.

Ich gebe auf. Ich werde doch nicht Millionär, ich bin schon beim Einstieg in das Quiz gescheitert. „Von Chakren habe ich zwar schon mal gehört, aber darunter kann ich mir momentan nichts Konkretes vorstellen,” räume ich etwas kleinlaut ein.

Das hätte ich besser nicht so freimütig zugegeben. Die Straße fest im Blick, legt Lydia ohne einen Moment des Überlegens los. „Ich erkläre dir das kurz. Also, es gibt sieben Haupt-Chakras oder Haupt-Chakren.

Das erste ist das Wurzel-Chakra, das sitzt an der Basis des Rückgrates, am Rektum. Es steht für Lebenswillen, Lebensenergie und Durchsetzungsvermögen, also für die Erdung des Menschen.“

„Gib’ mir einen Moment Zeit, damit ich das aufnehmen kann. Dieses Wurzel-Chakra ist also dafür verantwortlich, wenn ich an das Essen denke oder überlege, wie ich meine Miete bezahlen kann?“

„Das trifft es.“

„Es steht demnach für den Realitätssinn?“

„Ja.“

„Das habe ich verstanden. Mach’ bitte weiter.“

„Das zweite Chakra ist das Sexual-Chakra. Dieses hat, das wirst du dir denken, seinen Sitz in Höhe der Fortpflanzungsorgane. Es steht zum Beispiel für Sinnlichkeit.“

„Also für Sex?“

„Nee, nicht nur.“

„Sondern?“

„Auch für die Freude am Dasein, für Erotik, tiefste Verbundenheit und Liebe zum anderen Geschlecht. Das hängt zudem davon ab, wie stark das Chakra ausgeprägt ist. Und das ist von Mensch zu Mensch verschieden.“

„Okay. Mach’ weiter.“

„Das dritte wird Nabel-Chakra oder Solar-Plexus-Chakra genannt und steht für den Sitz des Willens. Auch Mut und Weisheit werden ihm zugeschrieben. Es ist also ein Zentrum der Kraft und liegt körperlich etwa in der Höhe des Magens. Manche Menschen meinen sogar, hier liege die Sonne des Menschen, die jeder in sich erwecken sollte.“

„Das ist ein schönes Bild. Das mit der Sonne des Menschen. Ich vermute mal, dass Buddha viel Sonne in sich trägt und deshalb stets mit einem sehr dicken Bauch dargestellt wird.“

„Davon habe ich keinerlei Kenntnis. Aber es könnte durchaus damit zusammenhängen.“

„Wenn du das schon nicht weisst, wie soll ich das denn wissen?“ Unwillkürlich erweise ich ihrer Sachkenntnis Respekt.

„Das spielt doch keine Rolle. Das ist eher ein Thema für Religionswissenschaftler.“

„Und woher hast du deine Kenntnisse?“

„Ich sagte dir doch, ich war immer auf der Suche und dabei habe ich solche Antworten gefunden.“

„Du meinst beispielsweise die Chakren?“

„Ja – klar.“

„Naja – für mich sind das keine Antworten, sondern eher weitere Rätsel oder Fragen.“

„Ich sagte doch, es gibt Dinge, die du nicht kennst oder verstehst. Ich versuche ja gerade, dir die Zusammenhänge zu erklären. Sei nicht ungeduldig. Wir stehen erst am Anfang.“

Könnte es nicht ein wenig einfacher, weniger kompliziert und dafür überschaubarer sein?, frage ich mich und bemerke nebenbei zu ihr: „Wir sind jetzt bei Chakra Nummer vier.“

„Nein, wir kommen zu Chakra Nummer vier.“

„Das meinte ich doch.“

„Ach so, da habe ich dich falsch verstanden.“

Wie so oft, denke ich, merke jedoch nichts an.

Sie nimmt eine Hand vom Steuer und deutet auf mein Herz. „Da, mein Lieber, ist das Herz-Chakra, das Chakra Nummer vier, zuhause. Das ist der Sitz der Liebesenergie bei allen Menschen. Dies ist das Zentrum, das in diesen Zeiten aktiviert werden sollte.“

Meiner Meinung nach ist der Mensch nicht genügend optimiert. Dieses Chakra zum Beispiel sollte ständig aktiviert sein. Bei allen Menschen. Was ließe sich mit dieser Version Mensch nicht alles vermeiden. Streit, Hass, Missgunst sind die Stichworte, die mir sofort einfallen. Neid zählt sicherlich des Weiteren dazu, aber wie steht es zum Beispiel mit Eifersucht – fällt die auch in diese Kategorie?

Diesen Gedanken kann ich nicht klären, da meine Lehrmeisterin unbeirrt fortfährt: „Und da . .. “, diesmal deutet sie auf meinen Hals, „ist der Sitz des Hals- oder Kehlkopf-Chakras. Das ist für das gesprochene Wort ausschlaggebend und stellt eine mächtige Quelle, einen Kraftort dar, der ebenso für die Selbstdarstellung verantwortlich ist.“

Wir haben während dieses Gespräches circa fünfundzwanzig Ortschaften, einhundert Ampeln und fünfhundert Kurven hinter uns gelassen. Unser Ziel – welches eigentlich? – scheint nicht in Sichtweite zu sein, denn Lydia tippt mir auf die Schläfe, da sie meine Stirn nicht von der Seite erreichen kann.

„Und hier, da sitzt das Stirn-Chakra, das du höchstwahrscheinlich unter der Bezeichnung »Drittes Auge« kennst.“

Ich nicke zustimmend wie ein kleiner Schuljunge und bin froh, dass mir dieser Begriff geläufig ist: „Klar, das ist das »Auge«, das beim Fahren auf die Straße sieht, während ich am Radio drehe.“

Ich wittere Oberwasser, halte aber still. Vielleicht habe ich doch mehr Kenntnis von der Materie, als sie ahnt?

„Explizit, es steht für Wahrnehmung und Intuition. Und nun komme ich zum siebten Chakra, dem Scheitel-Chakra, das für die Verbindung zum Göttlichen oder zum Kosmos steht.
Ist dieses Chakra überaktiviert, verliert man den Kontakt zur Realität. Aber darüber möchte ich nun nicht sprechen. Allen Chakren werden übrigens noch Farben, Edelsteine und Töne zugeordnet.

Dem Scheitel-Chakra werden zum Beispiel die Farben Violett, Weiß und Gold zugeordnet, während das Wurzel-Chakra dunkelrot ist.

Neben diesen sieben Haupt-Chakren gibt es noch viele – manche Leute sprechen von Dutzenden – Neben-Chakren. So finden sich zwei weitere an den Handflächen oder Fußsohlen.

Dies in allen Einzelheiten zu erklären, führt jetzt zu weit."

Da bin ich ganz ihrer Meinung, aber höchst wahrscheinlich aus einem vollkommen anderen Grund.

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Träume und Energiemengen


Sie schaut mich kurz zufrieden an. Das hat sie gut erklärt, finde ich, obgleich ich mir das nicht alles auf Anhieb merken kann. Ich habe ein wenig den Überblick verloren und versuche Terrain zu gewinnen.

„Und was hat das mit dem Seminar zu tun?“ erkundige ich mich bei der Meisterin aller 70 000 Chakren.

„Wir haben darüber gesprochen, dass es bei dem Seminar darum gehen sollte, die Aura eines Menschen ohne irgendwelche Hilfsmittelzu erkennen. Ich habe dir gerade erklärt, was eine Aura ist und wie sie sich zusammensetzt.

Eben aus den genannten sieben oder acht Haupt-Chakren, die ich dir im Einzelnen erläutert habe. Ob es tatsächlich sieben oder acht sind, da sind die Experten verschiedener Meinung.

Aber lassen wir das. Ich bin also in den Odenwald zu diesem Seminar gefahren, das in einem abgeschlossenen und von der Umgebung abgeschotteten Gebäude abgehalten wurde. Jeder Teilnehmer hatte ein eigenes Zimmer. Gleich zu Beginn wurden wir gebeten, das Haus und die Seminarräume während der kommenden zehn Tage nicht zu verlassen. Wir wurden – auch wenn das etwas übertrieben dargestellt ist – eingeschlossen und isoliert.“

„Das klingt seltsam. War das eine große Veranstaltung mit ein paar Hundert Teilnehmern oder ging es intimer zu?“

„Wir waren etwa zwanzig Leute. Die meisten davon waren Frauen, die zum Teil schon am ersten Tag eine heftige Auseinandersetzung mit der Veranstalterin wegen der Unterkünfte hatten. Die Zimmer waren ihnen zu schlecht ausgestattet und einige der Damenwollten in ein Hotel in der Stadt umziehen. Aber das gestattete sie ihnen nicht.Wir mussten also da bleiben

Am zweiten Tag des Seminars ging es gleich nach dem Frühstück richtig los. Die Leiterin stellte auf der Bühne des Schulungsraumes ein Tonbandgerät auf, schloss große Boxen an und spielte in hoher Lautstärke stark nervende Geräusche ab. Zum Beispiel jenes eines extrem kreischenden Säuglings. Dieses Geschrei liess sie solange so lange vom Band laufen, bis einzelne Leute heulend zusammenklappten.

Aber es ging weiter. Diesmal hörten wir das Zuschlagen von schweren, mächtigen Türen. Es war ganz klar zu vernehmen, dass es sich um Gefängnistüren handelt. Das war furchteinflössend. Danach haute sie uns mit voller Wucht das Geräusch von Kettengerassel und das schwerfällige Knarzen eines Schlüsselbundes in einem großen Schloss um die Ohren. Als nächstes knallten peitschende Salven durch den Raum. Schüsse, Schüsse. Über mehrere Minuten hinweg.

Und schließlich erklangen in Höchstlautstärke grelle menschliche Angstschreie – und zwar so lange, bis auch die Letzten von uns mit den Nerven fertig waren. Und zwar vollkommen. Wir fühlten uns ausgeliefert und wehrlos.“

„Mit anderen Worten, sie übte Psychoterror nach dem üblen Vorbild von Geheimdiensten und Militärs aus.“

„Davon verstehe ich nichts, aber es war ungeheuer anstrengend, so etwas habe ich noch nie erlebt. An einem anderen Tag saßen wir in einem Saal in Zweiergruppen aufgeteilt und jeder der Teilnehmer sollte seinem Gegenüber eine Energiemenge schicken. Mein Ansprechpartner war die Seminarleiterin, die mich nicht leiden konnte und ich sie auch nicht. Wir waren uns in herzlicher Antipathie verbunden.
Sie verlangte, dass jeder Teilnehmer seine intimsten sexuellen Erlebnisse in Form von Energie auf das Gegenüber schleudern sollte.

Ich kann so etwas nicht, will es nicht und das habe ich ihr auch gesagt. Daraufhin hat sie das Thema geändert und nun gefordert, man solle an seinem Gegenüber mental »ziehen« um herauszufinden, ob der etwas spürt oder nicht.

Ich habe das getan und so lange an ihr »gezogen« bis sie auf dem Stuhl zusammengeklappt ist und gellend verlangte, ich solle damit aufhören, meine Energien seien zu stark für sie.“

Diese Geschichte mit der Energie kann ich gut nachvollziehen. Ich hatte ein, wenngleich nicht ähnliches, doch gleichfalls imposantes Erlebnis auf einer Silvesterparty in einer alten Mühle in der Toskana.
Wobei der Ort und die Landschaft keinerlei Rolle spielen. Wir waren rund zwanzig Leute, wovon ich nur ein paar kannte. Wir aßen gut, ließen Musik laufen und tanzten ein wenig. Nichts Besonderes also.

Bis sich zwei der Gäste in eine Ecke stellten und miteinander tuschelten. Schließlich holten sie ein Mädchen zu sich und redeten mit ihr. Als sie sich einig waren, drehten sie die Musik leiser und verkündeten allen, dass sie uns nun ein Experiment zeigen würden, das sie zuvor nur einmal ausprobiert hätten. Wir sollten es ihnen nicht übel nehmen, wenn es nicht auf Anhieb klappe. Keine Angst, es geschähe nichts Böses oder Schlimmes. Es sei nur eine Demonstration von Kraft und Energie.

Das Gerede im Raum verstummte, alle sahen auf die Drei, die wortlos ihre Aktion starteten. Einer der Männer nahm sich einen der Flechtstühle, die am Tisch standen und stellte ihn in den Raum. Ohne einen Moment zu zögern nahm das Mädchen darauf Platz.

Die beiden Männer stellten sich rechts und links neben den Stuhl, streckten Ring- und Mittelfinger der rechten Hand aus und schoben diese unter den Sitz.

Sie nickten einander kurz zu und begannen das Mädchen mitsamt Stuhl vom Boden abzuheben. Erst ein paar Zentimeter, dann gut einen Meter.

Zu Letzt balancierten sie das Mädchen auf Augenhöhe, machten mit ihr ein paar Schritte durch die fassungslos staunende Gästeschar und setzten das Girl wieder auf dem Boden ab.

Ein paar Sekunden lang starrten wir alle die drei wortlos an, dann brach ein heftiges Gerede los. Wie geht das? Wie kann so etwas funktionieren?

Obwohl wir alle gesehen hatten, dass uns hier kein Trick vorgeführt wurde, wollten wir nicht glauben, wie einfach es gewesen war. Die beiden versicherten, dass so etwas jeder könne, wenn er nur daran glaube, dass es funktioniere. Aufgeregtes Geraune im Raum. Kurz darauf ahmten es drei andere Gäste das Experiment mit Erfolg nach. Weitere folgten.

Als es fast alle im Raum erfolgreich versucht hatten, brach eine erregte Debatte los. Wie war so etwas möglich? Trug jeder von uns ungeahnte Energien in sich? Kraftquellen, die wir nicht zu nutzen wissen, die uns aber jederzeit zur Verfügung stehen? Wir fanden natürlich keine Erklärungen an diesem Abend.
Klar war nur, dass wir etwas Besonderes erlebt und getan hatten.

Ohne Hypnose oder irgendeine Beeinflussung von außen hatten wir eine unglaublich Kraft entwickelt und einen Menschen samt Stuhl mit bloßen vier Fingern vom Boden abgehoben. Es war das denkwürdigste Silvester, das ich je verbracht habe. Dennoch war dieser Abend bei mir tief im Meer der Vergessenheit versunken, Lydia hat ihn mit ihren Worten wieder an die Oberfläche gezogen.

„Soll ich dir noch mehr von dem Seminar erzählen?“, fragt sie leicht an meinem Interesse zweifelnd.

„Natürlich, du hast mich mehr als neugierig gemacht. Die Angelegenheit mit den Auren hast du bislang nicht erwähnt.“

„Dieses Thema war ständig gegenwärtig. Zu Beginn des Seminars und oft während dessen wurden wir weg geschickt. Zum Beispiel ins hauseigene Restaurant oder mitunter in die nahe gelegene Stadt. Wir sollten die Leute checken, damit meine ich, wir sollten die Farbe ihrer Aura erahnen oder erfühlen.
Das war eine der Übungen. Auch brachte man uns bei, wie man die eigene Aura farblich verändern kann um eine ganz bestimmte Wirkung auf die Außenwelt zu erzielen.

Wir lernten beispielsweise unsere Aura gelb ein zu färben. Dadurch wirkt man auf andere sehr intellektuell und aufgeweckt, offen und freudig.

Oder wir färbten unsere Aura rosarot ein, das wirkt sehr anziehend und liebevoll.

Oder wir färbten sie grün. Das ist bekanntlich die Farbe der Natur und der Harmonie.

Oder wir färbten sie blau. Diese Farbe signalisiert Ruhe und Ehrlichkeit.

Oder wir färbten uns violett ein, das täuscht Edelmut und tiefe Religiosität vor.“

Sie zögert einen Moment, ändert den Tonfall und sagt ernst: „Marc - ist dir klar, dass man solche Techniken sehr gezielt und bewusst im Alltag einsetzen und andere Menschen in die Irre führen kann?“

Ich nicke zustimmend und hoffe, dass sie so ein Spiel nicht momentan mit mir treibt. Meine Fahrerin wird mir allmählich etwas unheimlich. Wer sitzt eigentlich neben mir? Ist das die echte Lydia oder eine umgefärbte? Und falls letzteres zutreffen sollte, welche Farbe trägt sie gerade? Rosarot? Blau?

Ich spiele den Harmlosen und frage nach: „Man kann also ganz bewusst seine Aura nicht nur einfärben, sondern zudem die Tönung auswählen - wie von einer Farbskala?“

„Ja. Selbstverständlich. Man kann seine Aura einfärben, wie man will. Das habe ich dort geübt. Ich erzähle dir noch ein paar Beispiele, damit du eine Vorstellung davon bekommt, was alles in diesem Bereich machbar ist.

Dieses »Was« spricht sie sehr gedehnt, schon beinahe drohend.

„Nach diesen verschiedenen Übungen lud die Seminarleiterin eines Tages Fremde ins Institut ein. Auf dem Podium saßen sechs Personen verschiedenen Alters und sozialer Zugehörigkeit und wir sollten herausfinden, was sie tun und welche Besonderheiten sie haben.

Ich erinnere mich besonders an einen sehr alten Mann und eine auffallend junge Frau, die auf mich zunächst wie ein Opa und sein Enkelkind wirkten. Beide waren sehr starke Persönlichkeiten, die wir analysieren mussten.

Wir konnten zunächst nichts Besonderes feststellen bis wir ihre Auren erkannten und uns klar wurde, dass die beiden ein Ehepaar und seit vielen Jahren miteinander verheiratet waren! Und das bei einem Altersunterschied von circa vierzig Jahren! Außerdem fanden wir heraus, dass der sehr würdevoller Mann zudem auch noch tief religiös war.“

„Ihr habt also sein Scheitelchakra erkannt und das war violett?“, sage ich beiläufig, doch stolz darauf, dass ich mir diesen Ausdruck gemerkt habe. Sie dreht sich zu mir um.

„Wow“, spottet sie, „du bist ja ein Schnellmerker.“

„Und du scheinst dich in eine Zauberin verwandelt zu haben.“
Das Wort »Hexe« nehme ich besser nicht in den Mund, sonst wird sie böse. Das ist ein Reizwort und katholisch besetzt.

„Nur in eine kleine, aber ich lerne täglich dazu.“

„Ist das nun alles, was du mir über die Aura erzählen wolltest?“, lenke ich von den Sticheleien ab.

„Nein, beileibe nicht. Wir haben richtig tief in die Trickkiste gegriffen. Ich nenne dir nur kurz ein paar Beispiele.

Wir haben gelernt, wie man seine Aura glättet, wenn man von der Autobahn ab fährt und aufgewühlt ist.

Wir haben gelernt, wie man in das Unbewusste seines Gegenübers eintaucht. Und zwar sogar in jene verborgene innere Winkel, in die man normalerweise niemanden blicken lässt.

Und wir haben noch viel, viel mehr gelernt. Und zwar derart unglaubliche Dinge, dass mir bei diesen Übungen manchmal richtig bange geworden ist. Im Grunde war ich froh, als das Seminar beendet war.“

„Das kann ich mir vorstellen, das hört sich schon beim Zuhören anstrengend an.“

„Das war längst noch nicht alles, das Schlimmste ereignete sich am letzten Tag des Seminars.“

„Der Teufel kam höchst persönlich zu Besuch?“

„So ähnlich.“

„Wie meinst du das?“

„Man könnte es so ausdrücken.“

„Jetzt mache es nicht derart spannend!“

„Also“, sie holt Luft, als sei sie kurz vor dem Abtauchen, „am letzten Tag des Seminars machten wir alle eine Rückführung. Damit hatte ich zu diesem Zeitpunkt keinerlei Erfahrung. Ich war also höchst gespannt und natürlich sehr erwartungsvoll.“

„Auf dem Podium?“

„Nein, wir bildeten Dreier-Gruppen. Unsere bestand aus zwei Damen, die ich auf diesem Seminar kennen gelernt hatte und meiner Wenigkeit.

Ich war diejenige, die zurückgeführt werden sollte. Wir gingen gemeinsam in ein kleines Zimmer, ich legte mich auf eine Couch und stellte mich innerlich auf die Rückführung ein.“

„Und wohin ging die Reise?“

Sie blitzt mich kurz angriffslustig an, zieht den Stachel ein und überhört mich.

„Anschließend ist etwas höchst Merkwürdiges passiert. Ich hatte meine Augen geschlossen und die beiden Damen begannen mit der Session. Das dauerte ein paar Minuten. Wie viele, ist mir unklar. Aber in dieser kurzen Zeit muss etwas passiert sein, denn plötzlich schrieen die beiden Damen laut auf und stürzten entsetzt kreischend aus dem Zimmer, als hätten sie tatsächlich den Teufel gesehen.“

„Wie bitte?”

„Du hast schon richtig gehört. Die sind plötzlich einfach brüllend vor Schreck aus dem Zimmer gerannt.“

„Und weshalb? Haben sie nichts gesagt?“

„Doch. Sie haben gesagt, sie könnten meine Vergangenheit nicht ertragen. Das sei grauenhaft, was sie gesehen hätten! Das sei nicht auszuhalten!”

„Was haben die denn gesehen?” Ich kapiere kein Wort von dem, was sie erzählt.

„Das weiss ich doch auch nicht! Ich lag wie betäubt auf meinem Sofa und dachte über die merkwürdige

Reaktion der beiden Damen nach. Bis mir schließlich der Gedanke, das muss was mit dem »Dritten Reich« zu tun haben, durch den Kopf schoß.”

Nein. Nicht schon wieder dieses Thema. Was hat Lydia mit dem »Dritten Reich« zu tun? Davon hat sie mir nie etwas erzählt. Außerdem ist sie weit nach dieser Zeit geboren.

Insgesamt ist das Programm, das sie in dieser kurzen Zeit aufgeboten hat, schwerlich zu toppen: Auren, Chakren, Rückführungen und jetzt auch noch das »Dritte Reich«.

Der Stoff, den sie auffährt, ist bleischwer und dabei ist die Landschaft da draußen so schön. Und die Sonne scheint munter freundlich zu uns herab. Ich zünde mir eine Zigarette an und inhaliere tief. Ein und Aus.

„Könntest du das bitte unterlassen!?“ Tönt es scharf von der Seite, „wie du weisst, rauche ich seit ein paar Jahren nicht mehr!“

„Woher soll ich das denn wissen? Ich habe dich jahrelang nicht gesehen. Und damals“, dieses Wort ziehe ich sehr bewusst in die Länge „warst du, wenn ich dich daran erinnern darf, fast eine Kettenraucherin.“

„Stimmt. Du kannst nicht wissen, dass ich seit ein paar Jahren nicht mehr rauche.“

Das kleine Teufelchen zwischen uns ist kurz aufgeblitzt und fix wieder in der Senke verschwunden. Unwillkürlich muss ich in mich hinein lächeln: Alles wie gehabt, diese kurzen, schnellen Ausbrüche, ach, wie habe ich sie vermisst!

Ich werfe den Zigarettenstummel aus dem Fenster, ja – sollte man nicht tun, aber ich muss mich abreagieren – , hole tief frische Luft und spotte: „Apropos »Drittes Reich«: Ich wusste gar nicht, dass du auch etwas mit Hitler hattest.“

„Klar, ich hatte mich in sein Bärtchen verliebt, das hat immer so nett gekratzt.“

Dieser Punkt geht ganz klar an sie. „Nun ‘mal im Ernst,“ versuche ich den Faden in die Hand zu nehmen, „warum bist du denn ausgerechnet in dieser Situation auf das »Dritte Reich« verfallen?“

Sie schweigt kurz und starrt konzentriert auf die Straße. „Darüber habe ich selten geredet. So weit ich mich erinnern kann, habe ich dir nie davon erzählt.“

„Ich kann mich an kein Gespräch über das »Dritte Reich« mit dir entsinnen.“

„Dieses Ereignis auf dem Seminar hat nur indirekt damit zu tun. Eigentlich hängt es mit meiner Kindheit zusammen. Als kleines Mädchen litt ich unter zwei Träumen, die immer wieder auftauchten. Sie waren wie eine Art Erinnerung. Irgendwas Unbewusstes nagte schon immer an mir. Ich wusste nur nie, was das war.”

„Was waren das denn für Träume, wovon sprichst du?”

„Es waren immer dieselben zwei. Der erste ging so: Ich sitze als Kind mit einem dunkelblauen Mantel bekleidet in der Straßenbahn und fahre irgendwo hin. Es ist kalt. Mir gegenüber sitzen zwei andere junge Mädchen, gleichfalls in Mänteln. Sie sind hell. Jene der beiden Kleinen sind mit einem gelben Stern verziert, wie meiner auch.

Und diese sechseckigen Stofffetzen müssen etwas zu bedeuten haben, denn die anderen Leute in der Straßenbahn starren uns an und tuscheln. Worüber, kann ich nicht verstehen, aber ich habe Angst. Große sogar.”

„Die Mädchen und du, ihr trugt in dem Traum Judensterne. War dir das klar?“

„Das wusste ich damals nicht. Ich war ein Kind und hatte natürlich von solchen Dingen noch nie etwas gehört. Immer wieder träumte ich von dieser schrecklichen Fahrt und diese jagte mir eine riesige Angst ein. Die ganze Situation in dem Traum war äußerst bedrückend. Ich fand keine Erklärung dafür, ich wusste nicht, was dieser Traum bedeutet. Ich war ja auch erst fünf oder sechs Jahre alt.“

Ich schweige. Mir fällt nichts ein. Ich möchte aussteigen. Das ist mir zu schwer, zu duster. Ich sollte irgendwie reagieren.

„Hast du mit irgend jemanden über diesen Traum gesprochen?“

„Kinder erzählen doch nicht, was sie geträumt haben. Jedenfalls habe ich das bei meinen eigenen Kindern nie erlebt. Und ich habe übrigens zwei. Zudem: Wen hätte ich fragen können? Etwa meinen Vater oder gar meine Mutter“

Da ich die beiden kenne, antworte ich nichts darauf. Ihr Vater war ein überzeugter Nazi, ein Mann, der Hitler bewunderte und daraus auch keinen Hehl machte. Der sich schon mit 17 freiwillig zur Front meldete. Juden, Kommunisten und Zigeuner, wie er sie nannte, waren für ihn Schuld am Untergang des »Deutschen Reiches«. Und über seine Tochter sagte er oft: „Dich haben die Zigeuner im Galopp verloren.“

Ihre Mutter schwieg am liebsten und ging ihrem Mann so gut es ging aus dem Weg. Sofern die kleine Wohnung das überhaupt zuließ. Nur wenn er nicht da war, wurde sie lebhaft und unterhielt sich gern mit uns. Wohl gefühlt habe ich mich bei meinen Besuchen dort selten. Höchstens spät in der Nacht, wenn ich sicher war, dass alle schliefen. Und nachdem mich Lydia leise von der Wohnungstür in ihr Schlafzimmer geschleust hatte. Im T-Shirt und Slip. Orgasmusreif. Jedenfalls meinerseits.

„Soll ich dir den anderen, den zweiten Traum auch erzählen?”, holt sie mich aus meinen hübschen Gedanken zurück.

„Leg' los.”

„In diesem bin ich gleichfalls ein kleines Mädchen. Komisch, dass ich immer von kleinen Mädchen träumte, oder? Ich gehe also als Kleine, so circa sechs Jahre alt, in einem dunkelblauen Mantel an der Hand eines Mannes an einer Bahnstrecke entlang. Sie ist endlos lang. Vielleicht auch deshalb, weil so viele Leute neben uns in die gleiche Richtung laufen. Alle tragen diesen Stoff-Stern an den Mänteln und es ist sehr kalt. Sie haben kaum etwas an. Aber dennoch sind die Hände des Mannes, an dessen Seite ich laufe, wohlig warm.

Das ist mein Vater, aber ein anderer, als mein jetziger. Niemand sagt etwas, oder flüstert, einige weinen leise in sich hinein. Es ist eine lange, stumme Kolonne, die nach nirgendwo marschiert. Und so endete dieser Traum auch stets: Wir laufen, laufen und laufen durch die Kälte der Nacht. Und ich habe wieder Angst, ganz große Angst sogar. Wie beim ersten Traum.“

Mir ist klar, was ihre Erzählung bedeutet. Sie spricht von einem Abtransport von Juden. Wahrscheinlich in ein Vernichtungslager. Ich bin erschüttert. Wieso muss sich ein Kleinkind mit derart schweren Alb-Träumen herum schlagen? Aus einer längst vergangenen Epoche?

Und wie konnte sie von Vorgängen träumen, mit denen sie persönlich nie in Berührung gekommen war? Mir ist dies rätselhaft und ich bemitleide sie, ohne es auszusprechen. Ich denke, sie spürt das, ohne dass ich es in Worte fassen muss.

Im Inneren entschuldige ich mich bei ihr, denn ich hatte sie – selbstverständlich nach unserer Trennung – für oberflächlich gehalten.

„Da sind noch zwei Dinge, die du in diesem Zusammenhang wissen solltest: Zum Einen war es mein ganzes Leben lang für mich problematisch, mich unter eine Dusche zu stellen. Warum dies so war, wußte ich nicht. Unter dieser Phöbie litt ich früher ganz massiv, heutzutage ist sie verschwunden.
Zum Anderen verabscheute ich von klein an und zutiefst Exkremente. Um es dir klar zu sagen: Vor meinen und den Ausscheidungen anderer habe ich mich extrem geekelt. Besonders öffentliche Toiletten habe ich geradezu gehasst.”

Ich schweige und denke nach. Es stimmt, was sie erzählt. In den Jahren in denen wir zusammen lebten, stand sie nie unter der Dusche. Sie lag indes, wie auch ich, gerne und oft stundenlang, in der Badewanne. Wahrscheinlich ist mir deshalb nicht aufgefallen, dass sie nie duschte. Und das Problem mit dem WC hat sie offenbar prima überspielt.

„So, jetzt kannst du möglicherweise nachvollziehen, warum ich damals nach diesem Vorfall auf dem Seminar sofort ans »Dritte Reich« gedacht habe. Ich wußte schon immer, dass irgendwas aus dieser Richtung auf mich zu kommt. Der Vorfall auf dem Seminar hat mich nicht sonderlich überrascht. Was mich wirklich quälte, war die sich daraus ergebende Frage: War ich zu jener Zeit ein NS-Opfer oder etwa gar ein -Täter?”

„Oder anders ausgedrückt: Welche Rolle hast du in der NS-Zeit inne gehabt?”

„Genau. Ich fragte mich nach diesem Seminar: Bin ich damals umgebracht worden oder habe ich selbst Leute getötet? Es war eine schreckliche Zeit für mich, denn ich konnte natürlich keine Antwort auf diese Frage finden. Schlimmer noch, mir fiel auch keine Methode ein, die diesen Schleier hätte jemals lüften können.

Ich wußte ja nicht, wer ich damals gewesen sein könnte. Es gab keinerlei Ansatzpunkt. Bis sich eines Tages Mae meldete.”

„Wer?“

„Mae. Mae ist eine Vietnamesin, die ich auf dem Seminar kennen gelernt habe. Sie hat irgendwie mitgekriegt, dass es mir schlecht geht. Mae rief mich an und sagte, sie kenne eine Frau, die mir helfen könne. Sie würde auch den Kontakt zu ihr herstellen, falls ich das wolle. Diese Dame sei sehr seriös und mache seit Jahren Rückführungen.“

Ich bin perplex. Sie hat es ‘mal wieder geschafft. Durch eine Rückführung seine Vergangenheit zu erforschen – auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Doch ich habe mich auch niemals gefragt, was in meinen vorherigen Leben geschehen ist. Falls es solche gegeben haben sollte.
Natürlich kenne ich diese Déjà-vu-Erlebnisse verschiedener Art. Dennoch hat es bei mir keinerlei Überlegung gegeben, diesen weiter nach zu spüren und ihre Ursprünge auf zu decken.

Habe ich in diesem Punkt etwa Nachholbedarf?



Verlag: sauerland press

Autor: Michael Rupprecht

Paperback: 184 Seiten

Mit 17 farbigen Illustrationen von Ymmerwahr

14,8 x 21,0 cm 

ISBN der Printausgabe: 978-3-943 283-16-7

Euro: 17,80

Auch als Kindle-Ebook bei Amazon erhältlich: ISBN: 978-3-943 283-22-8

In den Ebook-Formaten pdf, mobi oder epub ist es  bei beam ebooks erhältlich.


 


 

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